Kennung: kultur

Zur Debatte um die Internetpräsenz von ARD & ZDF

In den letzten Wochen gab es eine sehr leidenschaftlich und oft ziemlich dogmatisch geführte öffentliche Debatte darüber, ob ARD und ZDF und der öffentlich rechtliche Rundfunk allgemein eine über die Ausstrahlungen hinausgehende Internetpräsenz besitzen sollten oder nicht.1

Die Nutzer hingegen werden meist unter den Aspekten 'Gebührenzahler' oder 'Abonnent' betrachtet. Ich bin sicherlich kein Freund von allzugroßen Verflechtungen in der Medienlandschaft und man muß den Springer-Verlag und dessen Produkte nicht mögen, aber ich mag Musikantenstadl auch nicht und viele Inhalte der ÖRR sind ebenso ein Unding - genauso oft wie Inhalte schlicht fehlen. Aber der Vorschlag von Herrn Döpfner setzt ziemlich genau dort an, wo die Ungerechtigkeit, die von der EU moniert wird, im Markt beginnt.

Wenn man in den vielen kleinen Interviews und Beiträgen genau hinschaut, ergibt sich ein sehr spannendes Bild: die 'freie(n) Presse/Medien' schätzen die ÖRR durchaus als Nachrichtenquelle auf hohem Niveau und es wäre ein böser Schnitt in die Nachrichtenquellen, wenn auf einmal ein Portal wie tagesschau.de fehlen würde, aus dem sich ziemlich sicher sehr viele Journalisten bedienen, um ihre tägliches Nachrichtenmaterial zu sammeln. Ebenso ist immer wieder zu sehen, daß die ÖRR auch auf die journalistischen Ergebnisse ihrer freien Kollegen zurückgreifen.

Der Knackpunkt ist also nicht, daß man die Internetportale der ÖRR entfernt haben möchte, sondern, daß diese sich nicht neben den Gebühren auch noch über Werbung finanzieren sollen.

Dann würden vielleicht manche millionenschweren Übertragungslizenzen von Sportveranstaltungen nicht mehr möglich sein. Vielleicht würden die ÖRR dann auch wieder dazu kommen, die eingesparten Millionen in Werbefreiheit umzumünzen.

Ein kleines aktuelles Beispiel: Das 24-Stunden-Rennen von Le Mans: es wurde übertragen auf Eurosport, in der EM-Euphorie der Sender war dafür kein Platz. Bei den Formel-1 Rennen überlässt man RTL bereitwillig den Platz, früher wurden diese Rennen ebenfalls auf den ÖRR übertragen, bevor man daraus einen werbewirksamen Goldesel machen konnte.

Es ist also schon schwer verständlich, daß maneinige der teuersten Sportereignisse quasi vom Grundversorgungsauftrag abspart, nur weil man mehr Menschen damit erreichen kann, andere hingegen ignoriert (Hockey, Tischtennis, Rally, Basketball, ...) und den Privaten überläßt. Während die 'kulturellen' Ereignisse gerne in Magazinen ab 23.00 Uhr untergebracht werden. Wieso wird der Musikantenstadl als pars pro toto in voller Länge ausgerichtet, aber eine Wagner-Oper in Bayreuth allenfalls zu komischen Sendezeiten, oder in die Anhängsel 3sat oder arte ausgelagert, schlimmer noch, in ausschließlich über DVB-T empangbaren Sendern ausgestrahlt. Und eine Oper, eine Theateraufführung, aber auch Kabarett, politische Satire, Konzerte (ob nun Philharmonie, Techno, Hip-Hop oder Metal, aber auch Volksmusik) sind alles kulturelle Ereignisse, für den einen dies, für den anderen das. Eine gleichberechtigte Behandlung findet nicht statt, man wählt aus anhand der Zuschauerzahl, daß das ein Zirkelschluß ist sollte Medienbetreibern eigentlich klar sein: was zu allgemein verträglichen Zeiten ausgestrahlt wird, hat eine hohe Quote.

Ich wünsche mir ein Umdenken bei den ÖRR: werbefrei, politisch, kulturell und informativ die größtmögliche Bandbreite. Und nach dem Vorbild der BBC: die eigenen Beiträge den Nutzern kostenfrei im Internet zur Verfügung (oder gegen geringe Gebühr als DVD/CD) stellen. Alle Beiträge ebenso auf dem Markt anbieten, um so auch etwas Geld zurückzubekommen, ohne sich nach dem Markt zu richten: Qualität wird sich durchsetzen. Ansonsten gibt es Gebühren.

Dann wäre auch eine Internetpräsenz, die den über die Sendezeit hinausgehenden journalistischen Ergebnissen Raum bietet, möglich.

Es ist wirklich betrüblich mitanzusehen, wie von den ÖRR aus den Führungsetagen leider nur die Gebührenkeule als Argument gefunden wird. Ich würde mir wünschen man würde es als Chance begreifen, sich endlich nicht mehr nach dem 'Markt' richten zu müssen, sondern nach dem höherrangingen bereits vorhandenen Auftrag.


1 Einen guten Überblick bietet die Artikelsammlung unter der jüngsten Nachricht auf heise.de; einen Artikel in 'eigener Sache' bot der Spiegel.


Vielen Dank für die Geduld bis hierhin gelesen zu haben :).
  Nergal

ZDF GEZ-frei?

"Batman Begins" im Free TV ... so so!?Gestern am Hauptbahnhof in Münster sah ich riesige Plakate, die diese Batman-Verfilmung in gewaltigen Lettern als 'Free-TV Premiere' anpreiste.

Seit wann ist denn das ZDF ein Sender der 'Free-TV' ist. Der Begriff mag zwar ursprünglich daher rühren, daß man ZDF unverschlüsselt empfangen könne im Gegensatz zu den 'Pay-TV'-Sendern die verschlüsselt ausstrahlen. Der englische Begriff deutet es bereits an, es ist nicht unser deutsches System mit GEZ für öffentlich-rechtlichen Rundfunk gemeint, sondern vermultich das US-amerikanische, daß eben zwischen obigen Kategorien (Free bzw. Pay) differenziert.

Was will uns also das ZDF sagen? Es könnte sein, daß sie für diesen Film die GEZ-Finanzierung aussetzen und ihn allen zugänglich machen wollen (bringt natürlich nichts, weil man dann theoretisch in der Austrahlungszeit auch ARD empfangen könnte, was gleich wieder gebührenpflichtig ist). Oder das ZDF möchte uns Bürgern mitteilen, daß es unverschlüsselt sei.

Allerdings, unverschlüsselt ist ja nicht gleich for free. Ich kann Bücher auch ohne Entschlüsselung lesen, aber es käme keinem Buchhändler der Gedanke, daß seine Ware 'Free-Books' seien. Das 'Free' meint nämlich im Ursprung unseren Begriff von 'gratis' bzw. 'frei' wie in 'Freibier'. Aber dann würde ja das ZDF entweder zum Gucken anstiften ohne die Gebühren zuentrichten oder sie sagen schlicht die Unwahrheit in dieser Ankündigung.

Traurig, daß man nicht einmal den Anstand zu besitzen scheint die Wahrheit über die Kosten, die durch das Schauen des Filmes entstehen, auch ehrlich zu formulieren

  Nergal

Arme Sprache

"Kaffeewerbung mit Nazi-Beigeschmack gestoppt" (Quelle: tagesschau.de).

Als ich diese Überschrift las, war ich zugegebenermaßen neugierig, wie man das denn wohl hinbekommen hätte. Für Kaffee zu werben und einen 'Nazi-Beigeschmack' zu erzeugen. Es ist der Ausdruck "Jedem den Seinen", auch verständlich als "Jedem das Seine" - wenn man es unbedingt will. Letzterer Ausdruck stand am Eingang zum KZ Buchenwald.

Ich fürchte so manch einer wird die Nase über diesen Beitrag rümpfen, denn ich sehe überhaupt keinen Nazi-Beigeschmack in dieser Formulierung. Der Werbeagentur war der Zusammenhang mit dem 'KZ-Motto' nicht bewußt. Und die Formulierung bezieht sich auf etwas maskulines, (z.B.: Kaffee), wie man der grammatikalischen Form recht einfach entnehmen kann.

Was hier betrieben wird, ist dem Vergewaltiger der deutschen Sprache, den Nationalsozialisten, auch noch die Deutungshoheit auf die vergewaltigten Formulierungen zu geben. Es gibt sicherlich Aussagen, die eindeutig nationalsozialistischen Ursprungs sind, aber bei dem obigen Werbeslogan handelt es sich um eine Kurzform eines Ausspruchs von Cato dem Älterem "Von mir aus sei es jedem erlaubt, was er hat zu nutzen und zu genießen." (lat. "Suum cuique per me uti atque frui licet."), verkürzt auf die ersten beiden Wörter, läßt es sich als 'Jedem das Seine" übersetzen. Wie man sieht, hat es nicht im Geringsten etwas Verwerfliches, gar Menschenverachtendes an sich. Und es ist nicht nur der grausige Spott der KZ-Erbauer über die Inhaftierten, sondern zugleich ein zynisches Spiel mit der deutschen Sprache. Beide sind Opfer der Nazis, das soll nicht die Leiden der Inhaftierten relativieren, aber es kann auch nicht ein Leid das andere negieren. Vielleicht gehört etwas Mut dazu, aber nicht jeder Vorwurf von 'Nazi-Beigeschmack' ist angemessen. Die verunglimpfte Formulierung verdiente vielmehr in ihre alte ursprüngliche Bedeutung zurückversetzt zu werden.

Die Nazis waren in so unendlich vielerlei Hinsicht schreckliche Verdreher und Vergewaltiger positiver Symbole und Wörter. Den grauenhaften Plagiatoren aber quasi Anspruch auf Urheberschaft zu gestehen ist pervers.

Die Anziehungskraft des sog. Dritten Reiches für viele Neonazis liegt doch in dieser Symbolwelt, die kein anderer für sich mit anderen Inhalten zu belegen mehr wagt. Wenn man diese Symbole von der Besudelung der Nazis befreit, entkleidet man zugleich ihre nationalsozialistischen Träger. Natürlich ist es Aufgabe der Gesellschaft, diese nicht in Nazihand ins Gute umzudeuten, sondern auf die Perversion hinzuweisen.

  Nergal

The Civilization of China & Across China on Foot

Papierbücher nehme ich nur noch selten zur Hand. Die letzten beiden Bücher, die ich mir gekauft habe waren 'Python in a Nutshell' & 'Python Cookbook', da ich die nicht als ebook erhalten konnte und das nachschlagen doch manchmal leichter fiel als in den diversen online-Dokumentationen.

Aber ich drifte vom Thema ab
Meine neueste Entdeckung bei meinem bevorzugtem ebook-Anbieter manybooks.net lautet 'The Civilization of China' von Herbert A. Giles (1912).

Ich bin mir sicher, daß es modernere und umfassendere Werke gibt (215 KB reiner Text als pdb). Aber selten habe ich ein so angenehm zu lesendes Sachbuch in der Hand gehabt. Giles schreibt im Vorwort selber, es sei höchstens als Einstieg für erweiterte Recherche gedacht, diesem Ziel wird es bisher (knapp die Hälfte habe ich bereits durch) gerecht.

Giles gibt an passender Stelle immer wieder Anmerkungen zum historischen Rahmen, um gewisse Zusammenhänge zu erklären, ohne ins erstickende Detail zu gehen, so daß sich ein Rahmen bilden kann, in den man Puzzleteile der Geschichte und Kultur Chinas einfügen kann. Sein Hauptaugenmerk liegt aber sicherlich auf den verschiedenen Aspekten der Alltagskultur, von der Religiösität zum Rechtsverständnis. Unterbrochen wird das ganze von kleinen Ankedoten, die kurz nacherzählt abstrakt formulierten Eigenarten der chinesischen Alltagskultur einen Sitz im Leben verleihen.

Für jeden der sich mit der chinesischen Kultur vor Ihrer kommunistischen Zeit und vor der weitreichenden Industrialisierung beschäftigen möchte, ist dies sicherlich ein geeigneter Einstieg. Womit wir zum zweiten Buch zum Thema China kommen:
Ich habe leider 'Across China on Foot' von E. Dingle (1911) bereits zuvor gelesen und der journalistische Reisebericht und der eigenwillige Stil von Dingle erschwerten bisweilen die Quintessenz zu filtrieren. Hier hätte Giles Werk gute Dienste geleistet. Nichtsdestotrotz ist Dingles Reise das lebendige Gegenstück dazu. In einer Zeit kurz vor dem Umbruch in China, vor dem 1. Weltkrieg, und am kurz vorm Anfang vom Ende der Kolonialzeit reist Dingle zu Fuß mit einem Übersetzer und etlichen Trägern quer durch China.
Von verlausten schmutzigen Herbergen bis zu atemberaubenden Ausblicken in die Bergwelt Chinas, von Abenteuern mit Beamten und Soldaten bis hin zu Begegnungen mit anderen Europäern unterwegs, bleibt es immer spannend und man hat manchmal das Gefühl er schreibt über ein sehr modernes China, manchmal über ein China von vor tausend Jahren. Zwischen Tradition und Aufbruch. Im Spiegelbild auch oft ein Blick auf die britische / europäische Kultur um 1910 liefert es reichlich Anregung unseren eurozentrischen Blick auf die Welt von damals und heute zu verlassen.

Und hier die Verweise zu den ebooks:
The Civilization of China, H.A. Giles (1912)
Across China on Foot, E. Dingle (1911)

  Nergal