Arme Sprache
"Kaffeewerbung mit Nazi-Beigeschmack gestoppt" (Quelle: tagesschau.de).
Als ich diese Überschrift las, war ich zugegebenermaßen neugierig, wie man das denn wohl hinbekommen hätte. Für Kaffee zu werben und einen 'Nazi-Beigeschmack' zu erzeugen. Es ist der Ausdruck "Jedem den Seinen", auch verständlich als "Jedem das Seine" - wenn man es unbedingt will. Letzterer Ausdruck stand am Eingang zum KZ Buchenwald.
Ich fürchte so manch einer wird die Nase über diesen Beitrag rümpfen, denn ich sehe überhaupt keinen Nazi-Beigeschmack in dieser Formulierung. Der Werbeagentur war der Zusammenhang mit dem 'KZ-Motto' nicht bewußt. Und die Formulierung bezieht sich auf etwas maskulines, (z.B.: Kaffee), wie man der grammatikalischen Form recht einfach entnehmen kann.
Was hier betrieben wird, ist dem Vergewaltiger der deutschen Sprache, den Nationalsozialisten, auch noch die Deutungshoheit auf die vergewaltigten Formulierungen zu geben. Es gibt sicherlich Aussagen, die eindeutig nationalsozialistischen Ursprungs sind, aber bei dem obigen Werbeslogan handelt es sich um eine Kurzform eines Ausspruchs von Cato dem Älterem "Von mir aus sei es jedem erlaubt, was er hat zu nutzen und zu genießen." (lat. "Suum cuique per me uti atque frui licet."), verkürzt auf die ersten beiden Wörter, läßt es sich als 'Jedem das Seine" übersetzen. Wie man sieht, hat es nicht im Geringsten etwas Verwerfliches, gar Menschenverachtendes an sich. Und es ist nicht nur der grausige Spott der KZ-Erbauer über die Inhaftierten, sondern zugleich ein zynisches Spiel mit der deutschen Sprache. Beide sind Opfer der Nazis, das soll nicht die Leiden der Inhaftierten relativieren, aber es kann auch nicht ein Leid das andere negieren. Vielleicht gehört etwas Mut dazu, aber nicht jeder Vorwurf von 'Nazi-Beigeschmack' ist angemessen. Die verunglimpfte Formulierung verdiente vielmehr in ihre alte ursprüngliche Bedeutung zurückversetzt zu werden.
Die Nazis waren in so unendlich vielerlei Hinsicht schreckliche Verdreher und Vergewaltiger positiver Symbole und Wörter. Den grauenhaften Plagiatoren aber quasi Anspruch auf Urheberschaft zu gestehen ist pervers.
Die Anziehungskraft des sog. Dritten Reiches für viele Neonazis liegt doch in dieser Symbolwelt, die kein anderer für sich mit anderen Inhalten zu belegen mehr wagt. Wenn man diese Symbole von der Besudelung der Nazis befreit, entkleidet man zugleich ihre nationalsozialistischen Träger. Natürlich ist es Aufgabe der Gesellschaft, diese nicht in Nazihand ins Gute umzudeuten, sondern auf die Perversion hinzuweisen.




